Equi Natura

Pferdefutter richtig lesen:

Futteretiketten verstehen & Zusammensetzung entschlüsseln

Verfasst von: Anne Schwarzer – Unabhängige Ernährungsberaterin für Pferde / 22.04.2026

Die Wahl des richtigen Pferdefutters beginnt nicht im Stall und auch nicht beim ersten Eindruck einer hübschen Verpackung. Sie beginnt mit dem Etikett. Genau dort entscheidet sich, ob ein Futter wirklich zu deinem Pferd passt oder ob es in erster Linie gut vermarktet wurde.

 

Viele Pferdehalter lassen sich von Begriffen wie „Sportmüsli“, „Seniorfutter“ oder „getreidefrei“ leiten. Diese Bezeichnungen klingen zwar sinnvoll und zielgerichtet, sagen jedoch erstaunlich wenig über die tatsächliche Qualität oder Eignung eines Futters aus. Entscheidend ist nicht die Vorderseite der Verpackung, sondern das, was auf der Rückseite in kleinen Buchstaben steht.

 

Wer Futteretiketten richtig versteht, gewinnt einen enormen Vorteil für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit seines Pferdes.

 

In Europa unterliegt Pferdefutter klaren gesetzlichen Vorgaben, die dafür sorgen sollen, dass der Verbraucher zumindest grundlegende Informationen erhält. Dazu gehören unter anderem die genaue Bezeichnung des Futtermittels, die Zusammensetzung der enthaltenen Zutaten, die analytischen Bestandteile sowie Angaben zu zugesetzten Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Auch die Fütterungsempfehlung, das Haltbarkeitsdatum, sowie die Herstellerangaben und die Chargennummer sind verpflichtend.

 

Diese Informationen bilden die Grundlage, um ein Futter überhaupt bewerten zu können. Dennoch ersetzen sie keine fachliche Einordnung, denn sie zeigen nur, was enthalten ist – nicht, ob es für das jeweilige Pferd sinnvoll ist.

Der Blick ins Futter:

 

Einer der wichtigsten Bereiche auf dem Etikett ist die Zusammensetzung. Hier wird aufgelistet, welche Zutaten im Futter enthalten sind und in welcher Reihenfolge sie mengenmäßig vorkommen. Die erste Zutat ist also immer die Hauptkomponente des Produkts.

 

Ein gutes Futter erkennt man daran, dass die Zutaten klar und verständlich benannt sind. Begriffe wie Heu, Luzerne, Leinkuchen oder Karotten lassen sofort erkennen, womit man es zu tun hat.

 

Kritischer wird es, wenn stattdessen sehr allgemeine oder unklare Begriffe verwendet werden. Bezeichnungen wie „pflanzliche Nebenerzeugnisse“ oder „Getreidenebenprodukte“ wirken zunächst harmlos, lassen aber viel Spielraum offen und geben kaum Aufschluss über die tatsächliche Qualität der Rohstoffe.

Gerade hier entscheidet sich oft, ob ein Futter wirklich hochwertig ist oder eher aus wirtschaftlich optimierten Bestandteilen besteht.

 

Neben der Zusammensetzung finden sich auf jedem Futteretikett die sogenannten analytischen Bestandteile. Diese Werte stammen aus standardisierten Laboruntersuchungen und geben einen groben Überblick über die Nährstoffstruktur des Futters.

 

Der Rohproteingehalt beispielsweise beschreibt den Stickstoffgehalt und damit indirekt den Eiweißanteil. Proteine sind essenziell für den Aufbau von Muskeln, Gewebe und Enzymen und spielen eine zentrale Rolle im gesamten Stoffwechsel des Pferdes.

 

 

Der Rohfettgehalt gibt Auskunft über den Energieanteil aus Fetten und Ölen. Diese Form der Energie ist besonders für Pferde interessant, die mehr Leistung bringen müssen oder bei denen eine kohlenhydratreduzierte Fütterung sinnvoll ist.

 

Noch wichtiger für die tägliche Fütterung ist jedoch oft der Rohfasergehalt. Er beschreibt den Anteil unverdaulicher Pflanzenbestandteile und ist ein zentraler Faktor für eine gesunde Darmfunktion. Ohne ausreichend Rohfaser kann kein Pferd langfristig gesund gefüttert werden, da die Verdauung des Pferdes auf strukturreicher Nahrung basiert.

 

Auch der Rohaschewert liefert wichtige Hinweise, da er den gesamten Mineralstoffgehalt widerspiegelt. Ein sehr hoher Wert kann dabei sowohl auf eine gute Mineralstoffversorgung hinweisen, aber auch auf einen hohen Anteil mineralischer Füllstoffe, weshalb er immer im Gesamtkontext betrachtet werden sollte.

 

Ein weiterer Bereich, der häufig unterschätzt wird, sind die zugesetzten Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Diese sogenannten Zusatzstoffe sollen gezielt Nährstofflücken schließen oder bestimmte Funktionen im Organismus unterstützen.

 

Wichtig ist hier nicht nur die Menge, sondern vor allem die tatsächliche Bioverfügbarkeit. Denn es macht einen großen Unterschied, ob ein Spurenelement organisch gebunden ist und vom Körper gut aufgenommen werden kann oder ob es in einer anorganischen Form vorliegt, die schlechter verwertet wird.

 

Hinzu kommt, dass die Angaben immer auf ein Kilogramm Futter bezogen sind. Die tatsächliche Versorgung des Pferdes ergibt sich erst durch die umgerechnete Tagesration. Genau hier passieren in der Praxis häufig Fehlinterpretationen, weil nicht die reale Aufnahme, sondern nur der Etikettenwert betrachtet wird.

Auch die Einordnung des Futters spielt eine wichtige Rolle. Einzelfuttermittel bestehen aus nur einer Zutat und bilden oft die Grundlage der Fütterung, wie etwa Heu oder Hafer. Ergänzungsfuttermittel hingegen bestehen aus mehreren Komponenten, sind jedoch niemals allein ausreichend, um den gesamten Nährstoffbedarf eines Pferdes zu decken.

 

Theoretisch gibt es auch Alleinfuttermittel, die den kompletten Bedarf abdecken sollen. Im Pferdebereich ist dieser Ansatz jedoch kaum praktikabel, da Raufutter immer die Basis der Ernährung bleibt und in keinem industriellen Futter vollständig ersetzt werden kann.

 

Mineralfuttermittel wiederum dienen gezielt der Versorgung mit Spurenelementen und Mineralstoffen und kommen häufig dann zum Einsatz, wenn die Grundration nicht ausreichend versorgt ist.

 

Viele Futtermittel wirken auf den ersten Blick perfekt auf bestimmte Zielgruppen abgestimmt. Begriffe wie „Senior“, „getreidefrei“ oder „für sensible Pferde“ erzeugen schnell Vertrauen. Doch diese Bezeichnungen sind nicht geschützt und sagen oft wenig über die tatsächliche Zusammensetzung aus.

 

Entscheidend ist daher immer die Kombination aus Zutatenliste, analytischen Bestandteilen und dem tatsächlichen Bedarf des Pferdes. Ein gutes Futter erkennt man nicht am Namen, sondern an seiner Transparenz und seiner Sinnhaftigkeit im Gesamtkonzept der Fütterung.

 

 

Eine individuelle Fütterung beginnt immer mit dem Verständnis für das, was im Trog deines Pferdes landet – und genau dort liegt der Unterschied zwischen Standardfütterung und einer wirklich durchdachten, ganzheitlichen Ernährung.

 

Wenn du Unterstützung bei der Fütterung möchtest oder dir unsicher bist,

ob dein aktuelles Konzept wirklich passt, lohnt sich ein genauer Blick auf die individuelle Situation deines Pferdes!

 

Dazu schreibt mich gerne an! 

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